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Debattenredaktion: Eine unterstützende KI für demokratische Debatten

Künstliche Intelligenz verändert gerade, wie politische Debatte überhaupt entsteht. Sie macht das Formulieren, Zuspitzen und Verbreiten von Botschaften schneller und billiger, als es je war. Es geht nicht darum, ob KI in der politischen Kommunikation ankommt. Sie ist längst da. Aber: in wessen Dienst?

Auf diese Frage gibt es zwei sehr gegensätzliche Antworten. Ich habe mir beide angesehen und dann selbst eine gebaut.

Die eine Antwort produziert Empörung auf Knopfdruck

Wie die erste Antwort aussieht, hat CORRECTIV Anfang Juli offengelegt. Eine Firma aus dem Umfeld des AfD-Bundesvorstands hat ein KI-Werkzeug namens „Alternita Studio“ entwickelt. Man wirft oben eine Nachricht hinein, unten fallen fertige Propaganda-Pakete heraus: fünf Titel, mehrere Tweets, ein Instagram-Text, eine Grafik im Parteidesign. Die Meldung muss man nicht einmal selbst suchen. Alle 15 Minuten zieht das System Nachrichten aus rechten Portalen und sortiert sie danach, was am besten viral gehen könnte. Ganz oben stehen laut Recherche zuverlässig Geschichten über Gewalt durch Ausländer.

Besonders aufschlussreich ist, was passiert, wenn man dem System eine verfassungsfeindliche Vorgabe gibt. Es verweigert nicht. Es behält den problematischen Kern bei und bügelt nur die Formulierung glatt, bis sie durch die Sicherheitsfilter passt. Der Motor dahinter kommt von großen US-Anbietern, deren eigene Richtlinien genau diese Nutzung untersagen. Durchgesetzt wird die Regel aber erst, wenn jemand den Missbrauch meldet.

Kurz gesagt: Diese Antwort nimmt KI und macht daraus einen Brandbeschleuniger. Nicht Kommunikation, sondern die Skalierung von Manipulation.

Die andere Antwort will verstehen statt verstärken

Nachdem ich das Reel zur CORRECTIV-Recherche gemacht hatte, ließ mich eine Frage nicht los: Wie sähe eigentlich das demokratische Gegenteil aus? Naheliegend wäre, dasselbe Werkzeug für die eigene Seite zu bauen, nur mit anderem Vorzeichen. Genau das halte ich für falsch. Die Antwort auf eine Manipulationsmaschine ist keine zweite Manipulationsmaschine.

Also habe ich ein CustomGPT gebaut, ein an ChatGPT angepasstes KI-Werkzeug, und es „Debattenredaktion“ genannt. Der Name ist Programm. Es funktioniert nicht wie ein Brandbeschleuniger, sondern eher wie eine gute Redaktion oder ein Lektorat: ein Gegenüber, das Fragen stellt, bevor etwas nach draußen geht. Menschen hilft es, öffentlich verfügbare Artikel und Quellen zu verstehen, Fakten von Wertung zu trennen und sich eine eigene, belastbare Meinung zu bilden, bevor sie sich in eine Debatte einbringen.

Die Grundlage ist bewusst nicht parteipolitisch, sondern demokratisch: Rechtsstaatlichkeit, Menschenwürde, Grundrechte, Pluralismus, Minderheitenschutz, Europa. Es geht nicht darum, eine bestimmte Partei zu bewerben oder eine andere zu bekämpfen, sondern darum, die Spielregeln zu stärken, in denen politischer Streit überhaupt fair ablaufen kann.

Was es tut, und was es bewusst nicht tut

Konkret liefert Debattenredaktion eine Kurzzusammenfassung einer Quelle, trennt belastbare Aussagen von Bewertungen und offenen Fragen, ordnet ein, welche demokratischen Werte berührt sind, und schließt mit Prüffragen zu Fakten, Fairness und rechtlichen Anforderungen. Wenn es sinnvoll ist, entsteht höchstens eine einzige redaktionelle Rohfassung, ausdrücklich als Entwurf zur Bearbeitung, nicht als fertiger Post.

Mindestens ebenso wichtig ist, was es verweigert. Es erzeugt keine fertigen Kampagnenpakete, keine zwanzig Varianten für verschiedene Wählergruppen, kein Targeting nach politischer Einstellung oder Herkunft, keine automatische Veröffentlichung, keine erfundenen Zitate. Und bei jeder Ausgabe mit Kommunikationsideen steht ein Transparenzhinweis: Das ist KI-Unterstützung, prüfe die Fakten selbst, und kennzeichne die KI-Nutzung, wenn du Formulierungen übernimmst.

Der Unterschied zum AfD-Tool ist kein Zufall, sondern die eigentliche Konstruktion. Alternita Studio ist darauf optimiert, mündige Entscheidungen zu ersetzen. Debattenredaktion ist darauf ausgelegt, sie zu ermöglichen. Die richtige Diagnose lautet nicht „KI ist gefährlich“, sondern: Es kommt darauf an, ob ein Werkzeug Mündigkeit stärkt oder aushebelt.

Der offene Widerspruch

Ehrlich gesagt gibt es einen Punkt, den ich nicht wegmoderieren will. Ausgerechnet als CustomGPT bei OpenAI läuft dieser erste Test, also auf genau der Art US-Infrastruktur, deren Missbrauch ich beim AfD-Tool kritisiere. Das ist ein Widerspruch, und ich benenne ihn lieber selbst, als ihn zu verschweigen.

Der Grund ist pragmatisch: Als Proof of Concept, als Machbarkeitsnachweis, lässt sich ein CustomGPT ohne eigenen technischen Unterbau öffentlich testen. Für einen ersten Aufschlag ist das der schnellste Weg. Das Ziel bleibt aber eine anbieter-agnostische Version, die nicht dauerhaft an eine einzelne Plattform oder einen einzelnen Konzern gebunden ist. Digitale Souveränität gehört zur Sache dazu, gerade bei einem demokratischen Werkzeug.

Warum das mehr ist als eine Spielerei

Die AfD baut mit ihrem Tool nicht nur Reichweite auf, sie baut digitale Infrastruktur. Und wer Infrastruktur unterschätzt, versteht politische Macht in diesen Zeiten nicht. Deshalb darf die demokratische Antwort nicht nur aus Empörung bestehen. Sie muss selbst etwas bauen, das den Menschen dient statt sie zu instrumentalisieren.

Debattenredaktion ist genau das, in einer sehr frühen Form: eine Alpha, ein erster Versuch, ausdrücklich offen für Kritik. Ihr könnt sie hier testen, zerlegen und mir sagen, was fehlt. Die Instructions, also die Kernbestandteile des CustomGPTs, habe ich offen bei GitHub dokumentiert.

Wenn wir Debatte ernst nehmen, sollten wir sie nicht der Seite überlassen, die am lautesten am Brandbeschleuniger dreht.